Acht Jahre, mitten in der Blütezeit
Salsungia war der Name des Schlaraffenreyches in Salzungen — jedes Reych führt einen solchen Namen, meist die lateinische Form des Ortes. Acht Jahre lang wurde unter diesem Namen gesippt.
Angekündigt wurde die Gründung Anfang 1896 in den Schlaraffen-Zeyttungen: Im Thüringerlande sei eine Schlaraffia Salzungia „wahrscheinlich“, das erste Tochterreych der Meinungia. Betrieben hat die Sache ein einzelner Mann — Ritter Ver di Nante, diplococcus, profan der Arzt Dr. med. Ferdinand Fischer, fahrender Ritter der Meinungia, der zu dieser Zeit schon über ein Jahr in Salzungen lebte. Auf Befürwortung des Mutterreyches genehmigte die Allmutter Praga die Colonie.
Am 7. März 1896 wurde in Salzungen das Schlaraffenreych Salsungia gegründet. Es erhielt die Nummer 130 im weltweiten Bund, führte die Reychsfarben Blau-Weiß, und sein Mutterreych war die Meinungia im nahen Meiningen. Damit war die Salsungia Tochter der Meinungia und Urenkelin der Berolina.
Salzungen, nicht Bad Salzungen
Wer heute nach Bad Salzungen sucht, findet eine Kurstadt mit Gradierwerken und Burgsee. Zur Zeit der Salsungia hieß der Ort schlicht Salzungen; den Zusatz „Bad“ führt die Stadt erst seit 1923, also fast zwanzig Jahre nach dem Ende des Reyches.
Das Bad war damals dennoch längst da. Seit 1842 förderten Bohrungen gesättigte Sole, 1851 wurde das erste Kurhaus eingeweiht, und die Gradierwand von 1796/97 steht bis heute und wird zur Inhalation genutzt. 1902 zählte die Stadt fünftausend Einwohner, 1911 ebenso viele Kurgäste. In eine Stadt dieser Größe kam 1896 ein Schlaraffenreych — und das sagt einiges über die Verhältnisse: sechzehn Sassen waren hier ein beachtlicher Teil der bürgerlichen Gesellschaft.
Die Eröffnung in der Seeburg
Die Eröffnungssippung fand am 24. Lenzmond 1896 statt — im Hotel Sächsischer Hof, das den schlaraffischen Namen „Seeburg“ trug. Eingeritten waren aus dem Mutterreych Meinungia: Herrlichkeit Hermandad, die Ritter Eckstein, Klitsch Klatsch Kladderadatsch, Saffian und Kotzebue sowie der Knappe 56. Die Kundmachung schließt mit der Zeile „Gegeben in unserer Seeburg, den 25. Lenzmond 1596“ — die Schlaraffen rechnen ihre Jahre dreihundert voraus.
Gesippt wurde zunächst freitags um halb neun; ab dem Herbstmond 1896 dienstags, später um Glock neun. Die Blitzogramm-Adresse lautete schlicht „Schlaraffia Salzungen“. Im Gründungsjahr zählte das Reych sechzehn seßhafte Sassen und keinen einzigen fahrenden.
Die Sanktion, 1897
Die Jahre um 1900 waren die Blütezeit der Schlaraffia. Am 6. März 1897 beschloss die Allmutter die Sanktion — im selben Atemzug mit Londinium. Weil auf die Anzeige nach § 10 des Spiegels kein Einspruch kam, wurden die Sanktionsbullen ausgefertigt, gegeben „Praga, am 16. des Ostermonds 1597“. Das Sanktionsfest selbst fand am 25. Herbstmond 1897 statt; als Legatus laureatus kam Erbherrlichkeit Schmerzenreich aus Prag. Eine kleine Kurstadt in Thüringen stand damit in derselben Liste wie London.
Wie die Schlaraffen ihre Jahre zählen
In den Urkunden dieses Reyches stehen Jahreszahlen, die niemanden erschrecken sollen. Die Sanktionsbullen sind „gegeben Praga, am 16. des Ostermonds 1597“, die Kundmachung der Eröffnung schließt mit „den 25. Lenzmond 1596“. Beides sind Daten aus den Jahren 1896 und 1897.
Die Schlaraffen rechnen anders. Ihre eigene Zählung beginnt mit dem Gründungsjahr Allschlaraffias: anno Uhui 1 entspricht 1859. Das Jahr a. U. 37 ist also 1896, a. U. 45 ist 1904. Dazu kommt der Scherz mit den dreihundert Jahren: In feierlichen Schriftstücken setzen die Schlaraffen ihre Jahre dreihundert Jahre voraus, weil das Ritterspiel ins Mittelalter gehört und nicht ins Kaiserreich. Aus 1896 wird so 1596.
Und die Monate tragen alte deutsche Namen. Lenzmond ist der März, Ostermond der April, Wonnemond der Mai, Herbstmond der September, Windmond der November, Christmond oder Lethemond der Dezember. Wer diese drei Regeln kennt — a. U. plus 1858, dreihundert Jahre zurück, alte Monatsnamen —, kann jede schlaraffische Urkunde datieren.
Ein Kranz für den Gründer
Am 7. April 1900 wurde in Tarimundis das Grabmal für Graf Gleichen enthüllt, den Gründer der Allschlaraffia. Die Reyche legten der Reihe nach ihre Kränze nieder: Berolina, Francofurtia, Hannovera, Rostochiensis, Moguntia, Wiesbadensia — und Salsungia, zwischen Magdeburgia und Carolsuhu. Für ein Reych, das keine vier Jahre alt war, ist das ein bemerkenswerter Platz.
Drei Burgen in acht Jahren
Die Seeburg im Sächsischen Hof blieb bis 1900 die Heimburg. Zur Jahrung 1900/01 zog das Reych ins Hotel Hüttlinger, im Windmond 1901 weiter ins Hotel Wältz nächst dem Bahnhof. Die Einladung zum fünften Stiftungsfest spricht trotzdem weiter von „unserer Seeburg“ — der Name ist offenbar mitgewandert. Die drei Häuser und was aus ihnen wurde, stehen auf einer eigenen Seite.
Die Sassenzahl erzählt den Rest. 1896: sechzehn Seßhafte. Zur Jahrung 1900/01: fünfzehn Seßhafte und zwei Fahrende. In der Stammrolle 1903/04: nur noch zehn.
Kein Opfer von 1937
Die Salsungia gehört nicht zu den Reychen, die dem nationalsozialistischen Verbot zum Opfer fielen. Sie war dreiunddreißig Jahre vorher schon Geschichte.
Das lohnt einen Blick auf die Nachbarschaft. Von den thüringischen Reychen endeten die meisten im Jahr a. U. 78, also 1937: die Meinungia (63) in Meiningen, das Mutterreych der Salsungia; die Athenae Jenenses (127) in Jena; die Gotaha (155) in Gotha; die Ysenaha (243) in Eisenach. Die Molhusia (224) in Mühlhausen erlosch a. U. 73. Den Rahmen setzte eine Verfügung vom 27. Januar 1937, die die „freiwillige Auflösung bis zum 1. März 1937“ anordnete; am 4. Februar forderte der Bundesführer die Reyche zur Selbstauflösung auf. Die Schlaraffen nennen die Jahre danach die uhufinstere Zeit.
Die Salsungia hatte ihren Altar schon 1904 abgeräumt, aus eigenem Beschluss, ohne Druck von außen. In den Bestandsverzeichnissen der Archive erscheint sie deshalb nicht unter den verbotenen, sondern unter den gestrichenen Reychen. Das ist die seltenere Geschichte — und die friedlichere.
Und dann das Ende
1904 löste sich das Reych Salsungia freiwillig auf. Die Meldung der Allmutter ist erhalten: „Die Sassen des h. Reyches Salsungia haben die Meldung anher erstattet, daß sie die freiwillige Auflösung dieses Reyches beschlossen und durchgeführt haben. Wir haben demgemäß die Streichung dieses Reyches in der Stammrolle Allschlaraffias verfügt.“ Gegeben zu Prag im Windmond 1904, unterzeichnet von Devast, Tamar und Barnabas.
Kein Verbot, kein Skandal, kein Schiedsgericht. Warum es zu Ende ging, wird unterschiedlich erzählt — die beiden Darstellungen stehen auf einer eigenen Seite.
Acht Jahre schlaraffisches Leben also, und danach Stille. Die Nummer 130 wurde nie wieder vergeben.
Was Bad Salzungen mitbringt
Eine Kurstadt ist kein schlechter Ort für so etwas. Wo Gradierwerk, Kolonnaden und Burgsee die Tage entschleunigen, sind Menschen zusammengekommen, seit es die Sole gibt.
Die Salzunger Bürgerschaft des späten neunzehnten Jahrhunderts war darin geübt: 1858 entstanden ein Verschönerungsverein und die neubelebte Bürgerschützengesellschaft, 1861 ein Turnverein und ein Spar- und Vorschussverein, 1868 wurde im Herzogtum Sachsen-Meiningen die volle Vereins- und Versammlungsfreiheit genehmigt und im selben Jahr die Vereinsbrauerei am See in Betrieb genommen. In dieses Geflecht trat 1896 ein Reych, das keine Zwecke verfolgte außer Freundschaft, Kunst und Humor.
Das ist genau die Zutat, die ein schlaraffischer Abend braucht: Zeit — und Leute, die bereit sind, sie miteinander zu verbringen. Beides gibt es in Bad Salzungen noch.
Die Angaben stammen aus den Schlaraffen-Zeyttungen Nr. 186 bis 325, aus der Chronica Allschlaraffiae, aus Band I und II der Chronik des Verbandes sowie aus dem Verzeichnis erloschener Reyche. Ein Teil davon ist aus Frakturdruck maschinell gelesen; wo eine Lesung unsicher ist, steht es im Text. Wer Unterlagen, Bilder oder Erinnerungen zur Salsungia besitzt, möge sich bitte melden — wir nehmen sie gern auf.
Geschichte der Schlaraffia
Salsungia war ein Reych unter vielen. Die folgende Darstellung gilt für den ganzen Bund und erklärt, in welche Bewegung sich Bad Salzungen damals einreihte.
🦉 Schlaraffia in Zahlen: Gegründet 1859 · Über 200 Reyche weltweit · 5 Kontinente · Eine Sprache · Eine Gesinnung: Humor, Freundschaft und Kunst.
Die Wiege: Prag, 1859
Es begann mit einer Handvoll Künstler und Intellektueller im Prag des Jahres 1859. Schauspieler, Dichter, Maler – Menschen, die die Schwere der Zeit für einige Stunden ablegen wollten, um gemeinsam zu lachen, zu spielen und Freundschaft zu pflegen. Sie nannten ihre Runde schlicht: Schlaraffia.
Der Name war Programm: Das sagenhafte Schlaraffenland, jenes Land der Leichtigkeit und Freude, sollte für einige Stunden real werden. Kein Standesdenken, keine Hierarchie des Alltags – nur Spiel, Humor und Kunst.
Das Spiel breitet sich aus
Die Idee sprach sich schnell herum. Schon bald entstanden weitere Reyche in anderen Städten des deutschsprachigen Raums: Wien, Berlin, Hamburg, München. Mit der deutschen Auswanderungswelle im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderte die Schlaraffia mit in die Neue Welt.
New York, Buenos Aires, São Paulo – überall dort, wo deutschsprachige Einwanderer eine neue Heimat suchten, gründeten sie auch einen Schlaraffen-Reych. Das Band der gemeinsamen Sprache und des gemeinsamen Spiels hielt sie zusammen – über alle Entfernungen hinweg.
Schlaraffia überlebt die Stürme der Geschichte
Zwei Weltkriege, politische Umwälzungen, Verbote – Schlaraffia hat vieles überlebt. In Deutschland und Österreich wurde die Vereinstätigkeit in den Kriegsjahren eingeschränkt oder unterbunden. Doch kaum war Frieden, lebten die Reyche wieder auf. Dieser Überlebenswille ist kein Zufall: Wo echte Freundschaft herrscht, findet sie immer einen Weg.
Besonders bemerkenswert: Während in Europa manches Reych temporär pausierte, lebte die Schlaraffia in Übersee ungebrochen weiter. Die Allschlaraffia – der weltweite Dachverband – sorgte für Zusammenhalt und Kontinuität.
Die Allschlaraffia – weltweiter Zusammenschluss
Alle Schlaraffen-Reyche der Welt sind in der Allschlaraffia zusammengeschlossen. Dieser Dachverband regelt die gemeinsamen Spielregeln, vergibt Reychs-Nummern und stellt sicher, dass ein Schlaraffe aus Tokyo bei einer Sippung in Frankfurt sofort zuhause ist.
Die Allschlaraffia hält damit etwas aufrecht, das in der modernen Welt selten geworden ist: Eine Gemeinschaft, die auf Werten gründet – nicht auf Profit oder Networking. Humor, Freundschaft und Kunst sind keine leeren Worte, sondern gelebte Praxis bei jedem Treffen.
Und heute?
In Bad Salzungen wird nicht mehr gesippt. In der Nachbarschaft schon — und wenn sich hier genug Menschen finden, ist auch hier nicht alles gesagt.
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